Bayerns schönste Kirchen

Die Matthäuskirche in München

Matthaeuskirche Muenchen

Die Matthäuskirche in München

Bild: Matthaeuskirche Muenchen

Die St. Matthäus-Kirche in München mit ihrem nierenförmig geschwungenen 50er-Jahre-Bau gehört zu den außergewöhnlichsten Gotteshäusern im Freistaat - und zu den umstrittensten.

Ein Sonntag im Sommer. Die Sonne scheint, der Tag ist lind und blau, die Menschen in München lassen die Dinge ruhig angehen. Unter ihnen ein Münchner, der exakt diesen Sonntag für ein kleines Experiment nutzen will: Der gläubige Mann überlegt, einen Abstecher in die St. Matthäus-Kirche am Sendlinger-Tor-Platz im Herzen der City zu machen, in dieser Kirche war er bis dato noch nicht, er hat immer nur von ihr gehört; von einer Kirche, die in den fünfziger Jahren errichtet wurde, ein teils nierenförmig geschwungenes Haus, „das für viele kein typischer Sakralbau war, das manche mit einer Bahnhofshalle verglichen“, Kommentare wie diese kamen ihm schon oft zu Ohr.

Das macht ihn neugierig. Er fährt zum Sendlinger-Tor-Platz, steigt aus der U-Bahn, läuft die Treppenstufen hinauf ans Tageslicht, steht vor St. Matthäus – und findet den Eingang nicht. „Vielmehr: Ich sah mich nicht einer bombastischen, visuell ja oft erschlagenden Tür gegenüber, die sofort für jeden als einziger Eingang erkennbar ist. Sondern ich stieß auf viele verschiedene kleinere Eingänge, die in die Kirche führten. Und dann stand man auch noch nicht sofort im eigentlichen Kirchenraum, sondern musste immer erst nochmal ein Foyer durchschreiten, egal, von welcher Seite und durch welchen Eingang man auch kam. Ich merkte direkt: Diese Kirche muss man sich ein Stück weit erobern, wenn man sich ihr annähern, in sie eintauchen will.“

"Martin Luthers Achterbahn" als Spitzname

Das tut dieser Mann nun schon seit sechs Jahren und zwar äußerst aktiv: Der gläubige Münchner heißt Gottfried von Segnitz, seit 2005 ist er evangelischer Pfarrer in St. Matthäus als Nachfolger des evangelischen Pfarrers Dieter Kuller. In einem Gotteshaus, das den ungewöhnlichen Spitznamen „Martin Luthers Achterbahn“ trägt und auch „Herrgotts Achterbahn“ genannt wird. Diese Bezeichnung, so informiert die Historikerin und Pfarrersgattin Dr. Inge Kuller auf der Internetseite von St. Matthäus, verdankt die Kirche „ihren modern-geschwungenen Kurvierungen“. Der außergewöhnliche Spitzname sei „Ausdruck der Fassungslosigkeit angesichts dynamisch und nierenförmig geschwungener Bauten der 50er Jahre nun auch im kirchlichen Bereich“.

Dabei reicht die Geschichte dieses Gotteshauses viel weiter zurück. St. Matthäus am Sendlinger Tor, sagt Kuller, sei die Nachfolgerin der ersten evangelischen Kirche Münchens, die im 19. Jahrhundert auf dem Karlsplatz gebaut wurde. „Am 5. August 1827 fand die Grundsteinlegung statt“, so Kuller, „und am 27. August 1833 wurde die Kirche in Anwesenheit der Königinmutter Karoline feierlich geweiht.“ 1938 dann sei sie von den Nationalsozialisten aus offiziell städtebaulichen Gründen innerhalb von drei Wochen abgerissen worden.

Die Kirche auch in ihrer Güte wahrnehmen

1955 dann nahm das Gedankengebäude des Architekten Gustav Gsaenger am Sendlinger-Tor-Platz Form an: Die St. Matthäus-Kirche, so wie wir sie heute kennen, wurde gebaut, wie Dr. Inge Kuller berichtet.

Die Historikerin habe sich sehr darum verdient gemacht, „dass die St. Matthäus-Kirche auch in ihrer Güte wahrgenommen wird“, unterstreicht Pfarrer Gottfried von Segnitz, dass die Kirche mehr sei, als ein im Vergleich zu anderen Gotteshäusern sehr modern gebautes Haus, das in der Wahrnehmung mancher Betrachter und Besucher zum architektonischen Alien mutiere. Jedoch: „Wer St. Matthäus lieb gewinnt, der entdeckt eine besondere Kirche, die besonders viel zulässt“, sagt Pfarrer von Segnitz: „Der großzügige Rundbau bietet viel Platz, durch ihre großen Glasfenster ist sie transparent für das Leben und die Stadt um sie herum, allein für die Besucher des Bistros gegenüber, die gut in die Kirche gucken können.“ St. Matthäus sei ein „multifunktionales Gebäude, in dem man sich nicht nur wie in einer Kirche fühlt, sondern immer auch mitten im Leben“.

Mitten aus den "Bruchlinien einer Stadtgesellschaft" heraus

Das spiegeln auch die Menschen wider, die sich der Kirche von allen Seiten nähern: Menschen ohne Obdach und sozial bedürftige Menschen beim vierzehntätigen „Matthäusfrühstück“, Menschen mit Migrationshintergrund in Gesprächsgruppen, Menschen aus Kirche und Politik bei der diesjährigen Wahl zum Landesbischof etwa oder zur Eröffnung des Landtages in Anwesenheit von Ministerpräsident Horst Seehofer.

Das Publikum in St. Matthäus ist bunt wie das Leben selbst, und das passt zu ihr, denn, so Gottfried von Segnitz: „Die Kirche,nimmt am Menschen Maß‘; sie vermittelt dem Menschen nicht das Gefühl, dass er seinen Wert daraus zieht, bloß gut zu funktionieren, sondern dass er ein Zweck in sich selber ist – dass er so willkommen ist, wie er sich St. Matthäus gerade nähert“, mitten aus den „Bruchlinien einer Stadtgesellschaft“ heraus, die alle Realitäten mit ihren Eigenarten offen ins Auge fasst.

Die Tochter des Architekten, Angela Gsaenger, habe zum 50-jährigen Jubiläum St. Matthäus „wunderschön eingeordnet“, verrät von Segnitz: „Mach, was du willst in der Kirche – die Kirche hält’s aus.“ Oder, wie es der Pfarrer mit seinen eigenen Worten formuliert: „Wenn ich den Anker finde, kann ich frei sein für alles andere.“

Nicht nur an einem warmen, sonnigen Sonntag im Sommer.

 

 


26.08.2014 / Almut Steinecke