Orgelreiseweg

Die Königin der Instrumente am Wegesrand

Orgel

Königin der Kircheninstrumente: die Orgel hat jetzt einen eigenen Reiseweg, der durch Bayern führt.

Bild: Broschüre "Grüß Gott, Begleiter der Evangelischen Kirche in Urlaub und Kur 2014"

Sie wird die Königin der Instrumente genannt: die Orgel. Das heißt aber nicht, dass nur Erwachsene sich ihr nähern sollten und auf ihr spielen können.

Die kleine Anna beherrscht das gewaltige Instrument in ihrer Kirche schon recht gut. »Orgelspielen ist für mich eigentlich sehr leicht«, sagt die 9-Jährige und streift sich Schuhe mit rutschfesten Sohlen über, bevor sie sich an das Manual (den Spieltisch mit mehreren übereinander liegende Tastaturen) setzt. Die Schuhe braucht sie, um gut auf die Fußpedale treten zu können, denn eine Orgel wird nun mal mit Händen und Füßen gespielt.

Orgel gut spielen zu können, fordert jahrelange Übung. Anna hat mit 6 Jahren angefangen, Klavier zu spielen, eine wichtige Vorbereitung für das Orgelspiel. Als sie zur Orgel wechselte, stellt sie fest, dass die Umstellung gar nicht so schwer war. "Bei mir hat es schon nach einem Monat funktioniert, dass ich Hand und Fuß gut koordinieren konnte", sagt sie. Für andere ist das zunächst eine große Hürde. Wer Orgel spielen möchte, sollte sich einen guten Lehrer suchen, wie es die Kantoren von Kirchengemeinden oft sind.

Der "bayerische Orgelreiseweg": die ersten sieben Stationen

Nürnberg - St. Lorenz

Hauptorgel in St. Lorenz, Nürnberg,© St. Lorenz, Nürnberg

In St. Lorenz finden sich gleich drei Orgeln, die als Ensemble zu verstehen sind: die Hauptorgel (Foto), die Laurentiusorgel und die Stephanusorgel.

Nürnberg - St. Sebald

Die Orgel von St. Sebald, Nürnberg,© St. Sebald / Hans-Jörg Gemeinholzer

Die Orgel in St. Sebald in Nürnberg wurde zwischen 1975 und 1976 von dem Kölner Orgelbauer Willi Peter erschaffen.

Heilsbronn - Münster

Orgel im Münster Heilsbronn,© Münster Heilsbronn

Die Orgelmanufaktur Jürgen Lutz aus Feuchtwangen zeichnet verantwortlich für die hübsche, verspielte Orgel im Heilsbronner Münster, erbaut im Jahr 2006. Die Stimmung erfolgte nach Neidhardt.

Ansbach - St. Gumbertus

Die Wiegleb-Orgel in St. Gumbertus, Ansbach,© St. Gumbertus / Jim Albright

Die Orgel in St. Gumbertus, Ansbach, erbaut von Johann Christoph Wiegleb, ist nicht nur ein echter Augenschmaus, sondern gleichzeitig die größte Barockorgel in Mittelfranken mit größter Balgkammer in der BRD!

Rothenburg o.d.T. - St. Jakob

Orgel in St. Jakob, Rothenburg o.d.T.,© St. Jakob, Rothenburg o.d.T.

Zarte Farben, erhaben, elegant: die Orgel in der St.-Jakobs-Kirche zu Rothenburg ob der Tauber ist eine filigrane Erscheinung und verbindet das Hauptschiff der Kirche mit der Heilig-Blut-Kapelle, die den wertvollen Altar von Tilman Riemenschneider beherbergt.

Feuchtwangen - Stiftskirche

Orgel in der Stiftskirche, Feuchtwangen,© Stiftskirche Feuchtwangen

Majestätisch erhebt sich die Orgel in der Stiftskirche in Feuchtwangen, erbaut im Jahr 1982 vom Orgelbauer Steinmeyer aus Oettingen. Die Neuintonation erfolgte 2009, das Instrument verfügt über zwei Manuale, 30 Register und eine mechanische Traktur.

Gunzenhausen - Stadtkirche St. Marien

Orgel in der Stadtkirche St. Marien in Gunzenhausen,© Gunzenhausen - Stadtkirche St. Marien

Die Alkofener Firma Jann hat die Orgel in der Stadtkirche St. Marien in Gunzenhausen zwischen 2005 und 2006 erbaut. Das Instrument hat drei Manuale und 47 Register, die Traktur erfolgt mechanisch mit Setzerkombinationen inklusive einer Steuerungsanlage über USB-Stick.

Das Besondere an einer Orgel ist, dass man auf ihr verschiedene andere Musikinstrumente nachmachen kann. Manchmal klingt sie wie eine Flöte, manchmal wie eine Posaune, aber auch die menschliche Stimme kann sie imitieren. Der Organist kann die verschiedenen Klänge von seinem Spieltisch aus durch sogenannte Register auswählen.

In eine große Orgel kann man sogar durch eine kleine Tür an der Seite hineingehen und sich ihr Innenleben, die großen, kleinen und kleinsten Pfeifen und das Gebläse, das heute von einem Motor angetrieben wird, anschauen. Früher mussten große Blasebälge von Hilfspersonen mit den Füßen niedergedrückt werden, damit die Luft in die Pfeifen strömen konnte. Die größte Orgel der Welt steht übrigens in einem Kaufhaus in Philadelphia im US-amerikanischen Staat Pennsylvania, die größte Kirchenorgel (Sakralorgel) im Dom der bayerischen Stadt Passau mit 15.000 Pfeifen.

Der "bayerische Orgelreiseweg": die letzten sieben Stationen

Dinkelsbühl - St. Paul

Späth-Orgel in St. Paul, Dinkelsbühl,© St. Paul, Dinkelsbühl

Die Späth-Orgel ermöglicht die Wiedergabe fast aller Stilrichtungen. Grundsätzlich auf ein romantisches Klangbild mit vielen weichklingenden Registern ausgerichtet, zeichnet sie aber auch polyphone Barockmusik klar und durchhörbar.

Dinkelsbühl - Heilig-Geist-Kirche

Orgel in der Heilig-Geist-Kirche in Dinkelsbühl,© Heilig-Geist-Kirche, Dinkelsbühl

Ursprünglich als Barockorgel erbaut, wurde das Instrument bereits kurz nach der Erbauung - und bis heute noch mehrmals - verändert. Klanglich ist der schöne barocke Grundklang noch hörbar, wenn auch nicht vollständig und unverfälscht erhalten.

Nördlingen - St. Georg

Hauptorgel St. Georg, Nördlingen,© St. Georg, Nördlingen

Die Nördlinger St. Georgskirche, eine der größten spätgotischen Kirchen im süddeutschen Raum, beheimatet drei Orgeln: die Hauptorgel, die Seitenorgel und die Truhenorgel.

Augsburg - St. Anna

Orgel in St. Anna, Augsburg,© St. Anna, Augsburg

Die Orgel präsentiert sich als ein Instrument, das sowohl für den Konzert- als auch für den gottesdienstlichen Gebrauch bestens geeignet ist - und sich ideal mit der Raumakustik verbindet.

Memmingen - St. Martin

Orgel in St. Martin, Memmingen,© St. Martin, Memmingen

Die große Goll-Orgel ist in ihrem Kern ein Instrument der französischen Symphonik: mit warmem Grundstimmenklang, Farbigkeit der Einzelregister und einem runden, sonoren Plenum.

Kaufbeuren - Dreifaltigkeitskirche

Kaufbeuren, Dreifaltigkeitskirche,© Kaufbeuren, Dreifaltigkeitskirche

Hoch über dem Kirchenraum aus dem 16. Jahrhundert erhebt sich die Orgel der Dreifaltigkeitskirche. Sie verfügt über differenzierte Klangfarben im Grundstimmenbereich, die unter auch eine Brücke vom Barock zur Romantik und Symphonik schlagen.

Kempten - St. Mang

Hauptorgel St. Mang, Kempten,© St. Mang, Kempten

Die St. Mangkirche hat drei Orgeln: die Haupt-, die Chor- und die Truhenorgel. Die Hauptorgel wurde 1987 von der Orgelwerkstatt Gerhard Schmid aus Kaufbeuren erbaut, die Disposition erlaubt die ganze Bandbreite der Orgelliteratur.

Der kirchliche Orgelsachverständige Walther Haffner (1925–2002) hat die Orgel mal mit dem menschlichen Körper verglichen. Das Gehäuse, das die Innenteile schützend umschließt, ist die Haut. Das Gesicht ist die meist kunstvoll gestaltete Vorderfront. Das Gehirn ist der Spieltisch, der "Arbeitplatz" des Organisten. Die Lunge ist das Gebläse, der Körper die "Windladen", rechteckige Holzkästen, oben mit Löchern, auf denen die Pfeifen stehen. Im Inneren sitzen Ventile, die von den Tasten aus gesteuert werden und Luft in die Pfeifen strömen lassen. Das Nervensystem sind die Verbindungen von den Tasten zu den Ventilen.

Professor Michael Lochner (München) ist Landeskirchenmusikdirektor der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Ihm fiel schon seit Jahren auf, dass nicht nur kirchlich nahe Menschen vom Spiel der Orgel fasziniert sind, sondern dass es sehr viele "Fans" dieses Instruments ohne Kirchenzugehörigkeit gibt.

Bayern-Urlauber an die Orgel heranführen

Was kann man diesen allen anbieten, um sie noch näher an ihr geliebtes Groß-Instrument heranzuführen? Die Idee, einen "bayerischen Orgelreiseweg" aufzubauen, der auch für Bayern-Urlauber attraktiv ist, wurde geboren.

Der Orgelreiseweg führt zum größten Teil entlang der Romantischen Straße. Er beginnt im fränkischen Nürnberg und endet im bayerisch-schwäbischen Kempten und lädt in 14 Kirchen zum Verweilen, Studieren ihrer Orgeln und besonderen Konzerten ein. In das Programm wurden nur besondere Orgeln aufgenommen. Ziel ist es nicht, so betont Lochner, die Interessenten in alle teilnehmenden Kirchen zu bringen, sondern ihnen eine Auswahl anzubieten, nach der sie sich eine musikalische Bayern-Reise zusammenstellen können.

Im Internet kann man sich das gesamte Jahresprogramm aufrufen und sich beispielsweise für die Nördlinger Kulturnacht, Orgelmusik bei Kerzenschein in St. Anna in Augsburg oder die Lorenz-Sebalder-Sommerkonzerte entscheiden. 236 Veranstaltungen werden in diesem Jahr angeboten.

In der Orgelmusik gehe die Tendenz zur "Multistilistik", erläutert der Kirchenmusikdirektor. Die Orgel sei schon lange kein Instrument mehr, auf der vor allem die Werke von Bach gespielt werden.

Jeder Stil könne auf diesem Instrument dargestellt werden, von Klassik bis Pop. Und die jungen Organisten – auch die Kirchenmusiker – machen davon reichlich Gebrauch.

(Quelle: Grüß Gott, Begleiter der Evangelischen Kirche in Urlaub und Kur 2014)


15.02.2016 / Heinz Brockert